Almabtrieb / Viehscheid
Wenn der Sommer sich verabschiedet, ziehen Senner und Vieh von der Bergweide, der Alm oder Alpe, zurück ins Tal. Es geht ins Dorf zum Scheidplatz. Hier wird die Herde geschieden, d.h. aufgeteilt: Alm- und Alphirten, Senn und Sennerin übergeben die Tiere, die ihnen über den Sommer hinweg, meist seit Pfingsten, anvertraut waren, zurück an die Besitzer. Denn anders als im Norden Deutschlands besitzen die Bergbauern weniger Vieh, weshalb es unwirtschaftlich wäre, wenn jeder Bauer dafür einen eigenen Hirten abstellen müsste.
Begleitet wird der Viehabtrieb von Blaskapellen und Alphornbläsern, Trachtenvereinen und Schuhplattlern. Zeitgleich finden Bauern-, Krämer- und Handwerkermärkte statt, wodurch sich der Almabtrieb zum Volksfest entwickelt. Vorbedingung ist, dass der Bergsommer, der in etwa 100 Tage dauert, für Mensch und Tier gesund und ohne Unfall abgelaufen ist. Zum Abtrieb werden zumindest die Leittiere aufgekranzt: festlich bunt geschmückt mit Bändern, Glocken und Schellen, Wacholderkronen, Kränzen aus Latschenkiefer und Tannengrün, Alprosen (Almrausch), Zweigen und Blumen, Silberdisteln und Fuikln (geflochtene Rosetten aus eingefärbten Hobelspänen), Flitter und Stirnspiegel. Schmückende Glitzereien und lautes Glockengeläut sollen böse Geister fernhalten.
Der Zeitpunkt für den Almabtrieb richtet sich nach dem Wetter; nur wenige Orte setzen jährlich feststehende Tage oder Wochenenden, immer jedoch spätestens den 30. September, fest. Denn jetzt, da das Gras nicht mehr nachwächst und falls der Herbst sich frühzeitig durchsetzt, muss das Vieh von der Alm abgetrieben werden. Als wir Anfang September 1995 in der Schweiz Urlaub machten, erlebten wir, dass wegen der ersten Schneefälle die Kühe per Hubschrauber von der Alm ausgeflogen wurden. Die geplanten Festlichkeiten fielen zwar nicht ins buchstäbliche Wasser, doch erfroren sie im Schnee.

Die konkreten Termine für den Almabtrieb lassen sich am besten vor Ort über die Tourismusbüros erfragen.
Foto: Schaf - geschafft; c/o Sylvia Koch.
Der Almabtrieb heißt im Allgäu Scheid oder Viehscheid, im österreichischen Teil der Allgäuer Alpen Älplerletze, in Österreich auch Almabfahrt. In der Schweiz sind es Alpabfahrt und Alpabzug.
Große, festliche Viehscheide gibt es traditionell im Allgäu, weil hier das Vieh auf den Alpen (= Almen) durch Genossenschaften betreut wird. Im Herbst werden die Tiere wieder auf die Bauernhöfe zurückgebracht. Anderswo findet das Ereignis als familiäre Angelegenheit statt, weshalb Urlauber und Wanderer hier eher zufällig Zuschauer beim Almabtrieb werden. Verschiedene oberbayrische Ort gehen inzwischen dazu über, die Almabtriebe behutsam touristisch zu nutzen.
Orte, in denen Almabtriebe stattfinden:
Einen traditionellen Viehabtrieb gibt es auch
- in Island: Mit dem Réttir-Fest verbunden ist der Schafabtrieb Ende September.
- in Chile/Anden: Ende März werden Ziegen, Rinder und Pferde zusammengetrieben.
Bauernregeln
- Wenn im September viele Spinnen kriechen, sie einen kalten Winter riechen.
- Fällt das Laub zu bald, wird der Herbst nicht alt.
- Donnert's im September noch, liegt der Schnee zur Weihnacht hoch.